Censr. Wir sind Korea.

Manche um Ihr Seelenheil bemühte Zeitgenossen wandern ja auf den Spuren achtbarer Persönlichkeiten. So wandern sie zum Beispiel auf den Spuren Goethes oder vielleicht des Dalai Lamas; immer jedoch sind das dann Personen, bei denen man sich eben vorstellen kann, wie der denkend erklommene Berggipfel zu der auf den Stock gestützten allumfassenden Weisheit führte, der man sich nun so den gleichen Pfad nehmend erschließen kann. Keinesfalls sind das jedoch dann Personen wie etwa Lenin, man fühlt ja förmlich den Schmerz in den Zehen, wenn der Vordermann wieder einmal plötzlich zwei Schritte zurückgeht.

Ohne jetzt dediziert auf irgendwelchen Spuren zu wandern, behaupten manche, sie könnten die Schritte eines Dritten nachvollziehen. Diese Behauptung ist ohne Begründung eine Frechheit, weil es dem Zuhörer oktroyiert, dass der Sprecher tatsächlich einen schlüssigen Denkprozess vollzogen hat, der eben dazu führt, dass er das zur Debatte stehende verstünde.In einem Land, dessen innere Rechtspolitik eher nicht rühmlich im Pantheon der Auflärung, Freiheit und des gesunden Menschenverstandes ausgestellt wird, werden oftmals Gesetze erlassen über das sich dann der Rest der irgendwo halbwegs freien Welt dann schlapplacht oder sinnierend den Kopf schüttelnd zur Tagesordnung übergeht, da man ja nicht betroffen ist. Wenn also, sagen wir, in Teheran ein schlüssig aus dem Koran begründetes Gesetz erlassen wird, mit dem Pornographie mit dem Tode bestraft werden kann, dann könnte man ja als aufgeklärter Westeuropäer milde mit dem Kopf wackeln und Ts-Ts-Ts-Diese-Mullahs murmelnd sein Frühstücksei aufschlagen und in der Sparte Blick-In-Die-Welt noch nach weiteren Kuriositäten suchen. Spätestens dann, wenn in einem solchen Umfeld herangezüchtete Wirrköpfe mit dem Teppichmesser in einer Pilotenkanzel hocken, fällt einem der Frühstückseilöffel aus der Hand.
Wenn stattdessen erst mal in China ein Sack Reis umfällt, dann ist das, weiter frühstückend, genauso interessant wie meinetwegen Zensurmaßnahmen im chinesischen Internet. Wird dort also eine globale Fotocommunity ausgesperrt, weil ein querschießender User Bilder vom Tian’anmen-Massaker eingestellt hat, dann kann man doch anders gesehen froh sein, da die Diktatur dort doch dazu führt, dass man seine billige Unterhose bei H&M bekommt und darauf geschissen: ich will jetzt meine Carrera-Rennbahn, ist mir doch egal, was in dem Land passiert aus dem das Zeuch kommt!

In Deutschland ist es momentan Common Sense für oder gegen jeden erdenklichen Unsinn Gesetze zu erlassen oder erlassen zu wollen. Säuft sich irgendwo ein Sechzehnjähriger auf einer Flatrateparty in das Koma, dann wird man schon am nächsten Tag über die Boulevard-Presse darüber informiert, dass sich ein Hinterbänkler im Bundestag dafür stark macht diese Partys zu verbieten. Merkwürdigerweise sind die Stimmen, die das so Unsinnig finden, wie es eben auch ist, leise. Jeder scheint hier diesen immer vehementer werdenden Verbotsterror hinzunehmen oder sogar nachvollziehen zu können. Das führt dann dazu, das eine Änderung im Jugendschutzgesetz einfach durchgewunken wird ohne dass irgendeine ähnlich laute Stimme wie im Fall von Komasaufexzessen zu hören ist, die vielleicht auch dem Mann mit dem Marmeladenbrot eindringlich klar macht, dass angeknabberte Freiheiten Appetit auf mehr machen.

Dass nun in Flickr deutsche Mitglieder auf eine Stufe mit Singapur, Hong Kong und Korea gestellt werden kann einen ja fast gar nicht mehr verwundern nicht wahr? Das hat man nun davon, wenn man jedes Ereignis, sei es ein Hühnerdreck oder bedauerliche Einzelkatastophe dazu hernimmt der verständnisvoll nickenden breiten Masse wieder ein Stück Freiheit abzunehmen. Wenn in Erfurt also ein Knallkopf Bowling-For-Colombine spielt, dann muss natürlich danach das Jugendschutzgesetz geändert werden, denn wie wir alle sofort nachvollziehen können, ist der Zusammenhang von intensivem Computerspielen oder Internetsurfens ursächlich für den Wunsch die eigene Schule auszuradieren. A propos ausradieren: Mit unserem Jugendschutzgesetz hätten wir auch Hitler verhindern können, denn schließlich hat der Mann ja seine Anregung aus dem Internet bekommen, alle anderen Inspirationsquellen scheiden ja sofort aus.

Wer sich noch wundert, was das Jugendschutzgesetz einen erwachsenen Menschen tangiert, der sei darüber aufgeklärt, das im Zuge der Forderung nach wasserdicht nachvollziehbaren Altersüberprüfungen das Telekommunikationsgesetz und die Haftung von Forenbetreibern geändert wurde. Aufgrund fehlender Praktikabilität werden nun in diesem herrlichen Land von Recht und Ordnung „Eine Zensur findet nicht statt“ erwachsene Menschen faktisch behandelt wie dreijährige, denen man den Hundehaufen aus der Hand schlagen muss. Wer meint, das würde nunmehr nur Flickr betreffen, der hat sich geschnitten, sämtliche Foren gehen dazu über, restriktive Anmeldekriterien einzuführen und die Postings zu zensieren, da ist nicht mal Spiegel Online davor gefeit.

Herr Siegfried Zynzek beispielsweise, der sich in eben genanntem Forum beispielsweise über die Befüllung von Gartenteichen mit Trinkwasser hervortut, schreibt anlässlich der Tatsache, dass zahlenden, erwachsenen deutschen Flickr-Benutzern die Möglichkeit genommen wird, vermeintlich als „unsafe“ markierte Bilder zu betrachten:

Hallo,
das Internet ist inzwischen verwahrlost genug.
Es muß anständig und benützbar bleiben.
Deshalb kann ich die Schritte des Betreibers sehr gut nachvollziehen!

Quelle: Spiegel Online

Eine solche Äußerung ist exemplarisch, aber ich möchte Sie persönlich beantworten. Da öffentlich eingestellt, möchte ich das auch in einem offenen Brief tun:

So, so, Herr Zynzek!Das Internet ist also genug verwahrlost, schreiben Sie und das Sie die Schritte des Betreibers nachvollziehen könnten.
Erstens erfreut sich das Internet als solches wachsender Gesundheit und es kann sich auch nicht über fehlende Zuwendung beklagen, wenn es das könnte. Noch aber habe ich kein Gejammere über fehlende Investitionen in diesem Bereich gehört.
Ich vermute allerdings, dass Sie Inhalte meinen, die man im Internet erreichen kann und da kann ich Ihnen zustimmen:
Nehmen wir der Einfachheit halber einfach Ihren Eintrag „Im Internet“. Dieser zeugt von absoluter Verwahrlosung, zumindestens, wenn man unbedachtes herausposaunen von nicht hinterfragten Meinungen über die man sich keine zwei Pfifferlinge Gedanken gemacht hat, als geistige Verwahrlosung begreift.
Wenn ein Betreiber mir Inhalte vorenthält, die albernerweise zudem noch sowas von harmlos sind, dass diese ganze Zensur, um die es sich hier dreht, an sich schon mehr als lachhaft ist, dann ist die Tatsache an sich etwas, gegen das ich mich wehren muss. Sie mögen nicht meiner Meinung sein und ich möchte es Ihnen nicht unterstellen, dass Sie der erste gewesen wären, der bei der Verbrennung entarteter – oh stopp sorry – „verwahrloster“ Bücher das Feuerzeug gezückt hätten, aber wer weiß?
Wenn Sie sich Filtern lassen möchten – wunderbar! Nageln Sie sich einfach ein Brett vor den Kopf aber bitteschön so, dass die Augen nur noch Holz sehen, ja?

Ich denke zwar nicht, das Menschen wie Herr Zynzek wirklich zugänglich für Diskussionen um die Meinungsfreiheit sind, aber allen anderen sei ans Herz gelegt, dass dieser Vorfall eben nicht das Ausperren von „Schweinkram“ betrifft. Sicherlich sind in Flickr vielleicht auch sehr offene Aktaufnahmen zu finden, aber man möge sich die Tatsache vor Augen führen, dass ein gefilteter Account eine signifikante Anzahl von Bildern mit Tag „Iraq“ aussortiert.

Was Flickr hier vorexerziert ist nur den Anfang. In diesem Sinne wünsche ich noch weiter guten Appetit beim Frühstücken.

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