Der Kreationismus der Dinge

Würde heute William Paley einfach so mal über das Feld wandern, dann würde ich mir wünschen, dass er irgendwo unter einem tumben Stein nicht nur eine Taschenuhr, sondern jeweils zwei Exemplare eines beliebigen Gegenstandes irdischen Ursprungs fände: Die erste Variante und ein aktuelles Modell.

Stellen wir uns einen großen Findling vor, unter dem sich zufälligerweise ein Sitzklosett verbirgt. So ein Klo ist sicherlich einfacher als eine Taschenuhr, nein es besticht geradezu durch seine Simplizität. Unterscheidungen in Tief- und Flachspüler will ich an dieser Stelle gerne übergehen, nicht hingegen den Umstand das sich nach Einreichung von Patent Nr. 814 irgendwann die Erkenntnis durchgesetzt hat, das zu einem Sitz-WC auch eine Klosettbrille gehört und zwar deswegen, weil das stehende Verwenden des Abortes für das kleine Geschäft des Mannes und auch die eventuell nötige Reinigung des Beckens so weniger Unannehmlichkeiten für das größere Geschäft beiderlei Geschlechts nach sich bringt. Dazu wird besagte Brille eben hochgeklappt und kann nicht durch unangenehme Spritzer verunreinigt werden. Die Konstruktion kann an Einfachheit nicht überboten werden: Die Brille ist üblicherweise an zwei Scharnieren befestigt und kann so hochgeklappt werden. Das Scharnier selbst ist entweder nur bis zu einem bestimmten Winkel aufklappbar oder das Sitzklo selbst ist in einem bestimmten Abstand zur Wand angebracht, so dass die Brille sich daran anlehnen lässt. Der Winkel hat dabei größer als 90° zu sein, da sich die so befestigte Konstruktion ansonsten mit Hilfe der allgegenwärtigen Schwerkraft wieder in die Ausgangsposition bewegt.

Letzteres, liebe Chinesen, könnt ihr euch endlich mal hinter die Löffel schreiben. Mir begegnen immer öfter Baumarktaborte deren Wasserkasten so saudumm konstruiert ist, das die verdammte Brille mit exakt 90° aufliegt. Jetzt darf man also immer mit einer Hand die Hose, mit einer die Brille und mit der Dritten seinen Schniedel festhalten; wenn man mal dringend Pissen muss ist das ein äußerst schwieriges Unterfangen!

Es begab sich zum 6. Tag und Gott schuf das Scheißhaus, und er sah, das es gut war. Am 7. Tag kam der Schinees und wusste es besser.

Man stellt sich ja nicht nur als Kreationist idealisiert den Herstellungsprozess industriell erzeugter Güter als einen langen Weg vor, der von wenigen genialen Köpfen erzeugter Grundidee, mit Heerscharen von Technikern, Designern, Usability-Laboren, marktvergleichender Marketingfachleuten und findigen Kaizen-Arbeitsbienen bestritten wird.

Irgendwo auf diesem Weg scheint neuerdings gerne die Grundidee flöten zu gehen. Die A-Säule eines 1er-BMWs beispielsweise liegt aufgrund der Türgröße so weit hinten, das man sich den Arm auskugelt, sollte man sich den Sicherheitsgurt greifen wollen, um den erstaunlicherweise angenehm ermahnenden Warnhupton zu vermeiden. Selbstverständlich fehlt am Gurt der verschiebbare Stopper, mit dem man den Stecker für das nächste Mal in der richtigen Position arretieren kann. Muss ich noch erwähnen, dass man die Handbremse ziehen muss, um überhaupt irgendwie mit dem verbliebenen funktionstüchtigen Arm nun den Stecker in seinen Gegenpart hineinzupfriemeln?

Wenn man früher in einem Auto Frischluft wollte, hat man an der Fensterkurbel gekurbelt. Das war umständlich und je kleiner die Karren wurden, desto eher schlug einem die Kurbel ans Knie. Irgendwann war es billiger Motoren einzubauen, als Kurbel, Gestänge und Zahnrädchen, also bekamen alle Autos Tasten zur Bedienung der automatischen Fensterheber. Dabei hieß Ziehen: Runterfahren, Drücken: Hochfahren, und solange man zog oder drückte, fuhr das Fenster, wenn man nicht mehr zog oder drückte fuhr auch das Fenster nicht mehr. Das war Praktisch. Fährt man schneller, möchte man z.B. nur einen Spalt, durch den eine Kippe passt und man möchte keinen Tornado am Volant. Neuerdings ist das aber ganz anders. Neuerdings führt erstes Antippen des Wechselschalters zu einem Fahren des Fensters, ein zweites Antippen zum Stop. Man tippt den Schalter an und das Fenster fährt mit einem Affenzahn nach unten, so dass es an fast artistische Fingerfertigkeit grenzt, nur einen Spalt herzustellen. Selbstredend beschäftigt man sich nun fluchend länger mit diesem Unsinn als vorher.

Autos scheinen sowieso gerne Ziel dieser Anschläge zu sein. Bei erwähntem 1er kann man übrigens auch die Tür öffnen. Wie üblich wird dazu auf der Innenseite ein Griff angeboten, der gezogen, die Arretierung der Tür aufhebt und man durch leichten Druck nach außen die Tür in der Angel bewegt. Nicht so bei diesem Exemplar. Zieht man hört man ein Knacksen, das war es dann aber auch, da kann man gegen die Tür drücken wie ein Ochse: Nichts passiert. Nein: Man muss diesen Griff jetzt zurückschnappen lassen und nochmal ziehen. Schon geht die Tür auf. Das ist dann aber nicht immer so. Manchmal geht es sofort, manchmal benötigt man zwei Anläufe, also ob die Karre manchmal einfach bockig ist: Nein, Du darfst jetzt noch nicht gehen! Hängt irgendwie mit der Zentralverriegelung zusammen, das System hatte ich nach zwei Wochen immer noch nicht heraus.

Milchtüten. TetraPaks haben mich früher unendlich in den Wahnsinn getrieben und zwar weil ich es nicht hinbekommen habe, die abgehobene Lasche einfach mit den Fingern aufzureißen. Jedesmal eine Schere suchen. Und dann der WG-Kollege, der das mit den Zähnen bewerkstelligte. Natürlich hat sich die innen beschichtete PET-Folie an der Rißkante ausgefranst. Da hingen dann immer so eklige Milchreste und sonstwas drin, denn der Meister trank selbstredend direkt aus dem Pack. Dann wurde in Technik investiert und das Ding bekam einen Plastikschraubverschluss, Juchhu! Drehen, Knacks, die Versiegelung ist durchbrochen, Schütten, zudrehen. Fertig.

Neue Varianten haben jetzt unter dem Schraubverschluss eine gegossene Plastikversiegelung mit einer Yin- und Yangförmigen Sollbruchstelle und einer winzelfizigen Lasche um das Yin und das Yang vom Rand abzuhebeln. Egal wie ich das angehe: Ich habe immer die Lasche in der Hand und die Tüte bleibt zu. Also nimmt man eine Schere…

Das erstaunliche ist dabei, das man als aufgeklärter Darwinist denkt, dass sich Umständlichkeiten von selbst erledigen, Survival of the Fittest und so weiter. Evolution. Stetige Verbesserung, liebe Japaner. Das ganze Zeug. Scheiße-Milchtüten, die nicht zu öffen sind: Kauft niemand. Also Variante verwenden, die funktionert und der Kram lässt sich wieder verhökern. Aber nein. Der letzte Mist setzt sich irgendwie viral durch, so dass man nach einer Milchtüte mit vernünftigem Verschluss regelrecht suchen muss.

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