Die Nassrasur-Mafia

Würde Karl Marx heute noch leben, so würde er einen Missstand aus persönlicher Style-Ignoranz nicht untersuchen: Das Marktversagen am Beispiel der Rasurmafia.

Manch‘ Dinge prägen sich früh ein und was sich warum einprägt, hat man ja wie das Gänseküken vom Lorenz nicht im Griff. Als sich bei mir die ersten Barthärchen zeigten, die nicht etwa deswegen entfernt werden mussten, um das Gesicht wieder frei zu legen, sondern eher, um ihre idiotische Spärlichkeit zu beseitigen, verwendete ich das, was rumlag und das war der „Braun“-Elektrorasierer meines Vaters. Schon das Geräusch war mir peinlich ohne damals genau zu wissen warum. Hauptsächlich fühlte sich das unangenehm an. Am schlimmsten fand‘ ich, dass die Scherfolie nach kurzer Benützung anfängt vom Warmen ins Heiße zu wechseln. Niemand möchte, dass sein Rasierer von jemand anderen verwendet wird und sei er sein eigen‘ Fleisch und Blut. So kam es, dass ich den Rasierer meines Opas vermacht bekam. Auch ein Braun. Das hatte sich wohl vererbt. Mein Opa war wohl der Typ der gerne „Old Spice“ und „Tabac“ auf sein Gesicht schmierte, so genau weiß ich das nicht. Was ich aber weiß ist, das dieser Rasierer unendlich nach den Hautschuppen, dem Talg vermengt mit dem fatalen Odeur eines 50er-Jahre After Shaves stank.

So ging das nicht.

Also begab ich mich in den nächsten Supermarkt, um eine der Großtaten zu begehen, die zu den Erweckungserlebnissen der Adoleszenz gehören: Eigene Rasurmittel besorgen. Mangels Kapital und weil ich es sowieso viel scheißcooler fand‘: Die Nassrasurvariante. James Bond, beispielsweise. Könnte man, wenn man das Bild des Martini trinkenden Beaus beiseiteschiebt, könnte man sich James Bond mit einem Trockenrasierer im Bad vorstellen? Bsssssssssrrrrrrrrrchrchchhhcsssssbsssssssss. Das Geräusch allein animiert ja jeden Bösewicht dieser Welt sich von hinten gefahrlos anzuschleichen. Chrchchrbzzzzz. Kein Mensch mit vernüftiger Assassinenausbildung würde sich je freiwillig in eine solche Gefahr begeben! Trockenrasierertypen, das waren schon damals immer diese geleckten Büroheinis, die mit Ihrem Phillips einen auf heile Welt machen, zum Abschied wirkt die Frau an der Haustüre: Nee, nee!

Nassrasur: Das hieß Gillette. Also Klingen, Schaum und Halter kaufen und Glücklich sein. Das heißt, wenn man davon absieht, dass man sich die ersten Male ganz fürchterlich schneidet und lernt, dass After Shave zwar brennt wie Teufel, deswegen aber trotzdem gefühlte Stunden dauert, bis die Lippe nicht mehr blutet. Also rennt man mit einem zerknülltem Taschentuch voller bräunlicher Flecken durch die Gegend. Auch ganz tolle Idee: Erst das frisch gebügelte weiße Hemd anziehen, dann entscheiden, dass man sich noch schnell Rasieren muss. Falls man nun kein Blutfleck am Kragen hat, hängt der Rasurschlonz im Ärmel. Das passiert mir heute noch gerne. Es sage ja niemand, dass Menschen lernfähige Wesen sind.

Wenn man in einer Welt mit Zündholzmonopol aufwächst und alle zu einem Papiertaschentuch „Tempo“ sagen macht man sich ja keine Gedanken über „Gillette“. Nassrasierer: Gillette. Fertig. Dass ein Monopol Vorteile bieten kann, lernt man schmerzhaft. Beispielsweise, wenn man Morgens auf Termin muss und feststellt, das der Bart im Gesicht nicht geht. Und dass die Klingen aus sind. Schnell zum Supermarkt gegenüber, in das Regal schauen, Klingen schnappen, zack-zack wieder nach Hause. Hastig die Packung aufreißen und man kommt sich ja bald total verblödet vor, aber: Der verdammte Halter passt mit den Klingen nicht zusammen. Himmel Hergott noch eins, mir läuft hier die Zeit davon! Das Ende vom Lied: Irgendwie die Klinge zwischen die Finger klemmen und sich mehr Schlecht als Recht unter fürchterlichen Schimpfkanonaden rasieren. Gillette hatte damals irgendeine neue Superinnovation mit „Lubrastrip“ herausgebracht und bei der Gelegenheit den Halter verändert. Umsatzmäßig ist das ja auch ein Traum: Man kann neben den tollen Superklingen auch den neuen Superhalter verkaufen.

Ich habe damals aus purer Wut geschworen, diese Firma zu meiden und ab sofort nur noch Wilkinson zu kaufen. Meine Recherchen brachten nämlich zu Tage, dass drei Generationen von Klingen dieser Firma immer auf den gleichen Halter passten. Ha, Gillette! Das ist der Kapitalismus! Das Bessere ist des Guten Feind! Blödsinn wird durch Kaufverzicht ausgemendelt.

Das die Welt nicht so einfach ist, wie man sich das als naiver Twen so vorstellt lernt man nur langsam. Der Nassrasurkrieg wurde von Wilkinson begonnen, wie ich recherchieren konnte 1953, 52 Jahre nachdem King Camp Gillette auf die glorreiche Idee kam Wegwerfrasierklingen zu erfinden. Nachdem Wilkinson mit seinen hinter Drähte gepackte Klingen 50% Marktanteil erreicht hatte, fing auch Gillette an, sich mit immer neuen Features die Aufmerksamkeit des Rasurviehs und sein Überleben zu sichern. Lubrastrip. Gitter. Gummilamellen. 2 Klingen. 3 Klingen. Federn. Motor! Das ist ja auch der Gipfel der Perversion. Die Idioten packen jetzt einen Motor in den Griff, damit das dann genauso summt und brummt wie ein Elektromotor beim Trockenrasieren? Außerdem wird der Krempel immer martialischer Vermarktet. Ist ja auch für Männer. Hör‘ mal wer da Hämmert: Jagdflugzeuge. Chuck Yaegers! Mach 3! Protector! Sword! Titanium! Quattro! „Hydro“ ist da ja regelrecht Downsizing aber kurz Nachgedacht ja voll im Zeitgeist; Hydro, das klingt ja gleich nach Wasserstoffantrieb, voll Zukunftsmäßig mal kurz zum Mars fliegen und so etwas.

Ich habe das konsequent nicht mitgemacht. Bei Wilkinson passten ja alle Klingen auf den gleichen Halter. Jedesmal, wenn da ein neuer Superprotector herauskam habe ich mich allerdings darüber geärgert, dass diese neuen Megarasierer im Probierpack tatsächlich spürbar besser funktionieren. Immer. Ich bin der ganz festen Überzeugung, dass das alte Modell kurz vor Markteinführung des neuen absichtlich stumpfer geschliffen wird. Denn die neuen Modelle gehen immer mit einer gefühlten Verhundertfachung des Preises einher. Irgendwie muss man ja glaubhaft machen, dass sich der hundertfache Preis echt lohnt.

Als ich neulich wohl noch nicht ganz Wach im Drogeriemarkt Klingen kaufte, habe ich Volltrottel Gillette gekauft und das erst Zuhause gemerkt. Man steht ja mittlerweile vor eine meterlangen Wand voller Rasierklingen, irgendwie sehen die alle gleich aus. Da ist pure Konzentration angesagt. Um nochmal kurz auf die Elektrorasierer zu kommen: Braun, eine Marke bei der ich an den Schneewittchensarg denke, deutsche Wertarbeit, wegweisendes Design, Hfg. Braun gehört Rasierertechnisch zu Gillette. So wie Oral-B und Duracell. Und das zu Procter & Gamble. Also Pampers, Charmin Scheißhauspapier und für Vorne-Herum Always, Pringels, Lenor (vom Waschmittelkartell) und Tierversuchskosmetik, die dann angeblich von Avril Lavigne stammt oder Dolce & Gabbana. Das Zeug. Unsympathisch bis zum Anschlag. Wilkinson gehört übrigens einem Batteriehersteller. Vermutlich bauen die deswegen auch bald einen Griff mit Motor. Hätten die damals nicht Gillette angegriffen, gäbe es vermutlich weiterhin ein Halter, ein Modell und das immer geich scharf geschliffen.

Deswegen und weil das ganze auf den gleichen Krampf herauskommt habe ich mich dazu entschlossen die Mafia mit ihren eigenen Waffen von vorne zu schlagen: Ich kaufe jetzt für alle, hört zu: Für alle Modelle einen Halter. Danach kann ich Blind an die idiotische Nicht-Auswahl von Klingen hinlaufen und einfach irgendeine kaufen. Macht doch Werbung und denkt euch etwas aus, dreht euch im Kreis und macht Purzelbäume mit einer Kappe auf dem Kopf, auf der ein Propeller ist, der blinkt, wenn er sich dreht!

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