Innovativ sein mit Status-Quo

Ulm, das ist das gerne „beschaulich“ titulierte Städtchen zwischen Stuttgart und München inmitten von gefühlten tausenden Dörfern, in denen noch nicht mal ein Hund begraben liegt. Im Konkurrenzkampf zwischen den beiden Metropolen, (wobei ich korrigierend Stuttgart sofort wieder aus der Schublade Metropole heraushole) kämpft man gerne mit dem Städtemarketingbegriff „Innovationsregion“. Das soll die Attraktivität der Stadt hervorheben und vergisst dabei in alter Marketingmanier, dass zu einem Slogan auch tun gehört.

So die Ulmer, die gerne an jeden idiotischen Unsinn den Begriff „Einstein“ dranweben, weil dieser mal hier geboren wurde, aber dabei geflissentlich ignorieren, dass er jedesmal im Grab rotiert, wenn sich ein Deutscher seines Namens bedient, nachdem er von den Nazis von hier vertrieben wurde. Fehlt nur noch, dass man mit der HfG wirbt, nachdem man die Hochschule 1969 wegen ein paar fehlenden Mark kaputt gehen ließ.

Frau Prof. Dr. Schavan, die in ihrer Eigenschaft als Bundesministerin für Bildung und Forschung gerne neue geförderte Ulmer Forschungsinstitute einweiht, ist eine derjenigen, die dann gerne vor diese Innovationsregionsfahne gestellt werden. Das zu einer Innovationsregion innovative Menschen gehören, welche man mit einem angestaubten Theater und drei Klassik-Konzerten im örtlichen Kongresszentrum kulturell nicht sehr befriedigt, scheint nicht in die schwäbischen Kleingeisterköpfe zu passen, genauso wenig, dass kreative Techniker ungerne in verwaisen Fuzos herumstehen und sich dort maximal in der durch örtliche Klungelei entstandene Systemgastro langweilen.

Anders ist auf jeden Fall nicht zu erklären, warum man zwar 27 Millionen für den Bau eines Stadthauses ausgibt, aber danach kein Geld mehr hat, um dieses dann auch in geführter Weise mit Leben zu erfüllen. Stattdessen werden die letzten Gastronomen mit Auflagen vom Ordnungsamt gegängelt, ohne dem Begriff „Innovativ“ auch im geringsten gerecht zu werden. Will man in Ulm in den wenigen tropischen Nächten, die es hier hat, ein Gläschen Wein an der frischen Luft trinken, wird man im gesamten Innenstadtgebiet kurz nach 22:00 vetrieben. Arbeitet eine kleine Kneipe innovativ, indem sie Mittags essen anbietet und ab späten Abend Rauchfrei gibt, taucht das Ordnungsamt auf und muss das Beispiel friedlicher Koexistenz von Nichtraucher/Raucherregelungen prompt verbieten.

Die Panda-Bar, ohnehin als temporäre Lokation in einem zum Abbruch freigegebenen Gebäude in der Innenstadt geplant, durfte das innovative Wirken der Stadtverwaltung als letztes spüren. Die Stadtverwaltung ist so innovativ und flexibel, das eine zweite, vom Betreiber bezahlte Fluchttür in einem zu Abbruch bestimmten Gebäudekomplex in einer halbjährlichen Diskussion nicht auf die Reihe bekommt.

Wenn eine Tradtionsfirma aber am Müsterplatz eine Firmenfeier Galore plant, unter der Woche „Status-Quo“ aufspielen lässt und nach Mitternacht ein Feuerwerk der Oberklasse steigen lässt, sind die Genehmigungen schnell verteilt, vermutlich weil man dann auch ordentlich in die Tasche gelangt hat.

Der Verein „Leise“, der gar nicht mehr so genannt werden möchte, wahrscheinlich deswegen, weil er lautstark den Lärm in der Innenstadt öffentlichkeitswirksam bejammert, hat sich zum Thema Panda-Bar gar nicht geäußert. Das wundert nicht, weil die Lage der Bar in ungenutzen Häusern am Bahnhof am Innenstadtring mit 6 Fahrspuren ohne Anwohner nicht einmal mehr das bedauernswerte Klientel der Innenstadthausbesitzer tangiert. Deren unerträgliches Leiden kann man an den Immobilienpreisen in der Innenstadt Ulm ablesen, welche selbst bei unsanierten Exemplaren gerne mal 200% über vergleichbaren 1A Objekten im Umland liegen.

Nun lässt sich trefflich darüber Streiten, ob das Viva-Colonia-Ich-Hau-Dir-Jetzt-Auffe-Fresse Jebrülle um die Zill herum als Kultur zu bewerten ist, aber am Ende ist Nachtleben auch eine Geschmacksfrage. Dass ein Nachtleben „bunt“, ergo abwechslungsreich sein sollte, bedingt eine Bandbreite von ROI-Orientierten Systemgastronomen für die Fraktion Minirock und 3er-BMW mit Effektfelgen bis hin zu Neue-Musik-Feingeister im Stadthaus sowie Orte, in denen sich auch beispielsweise ein paar Studis die Kante geben können. Letztere braucht die Stadt dann wirklich, sonst bleibt das nächste von der Schavan durchfinanzierte Batterie-sind-Wir-Innovativ Gebäude leer. Spätestestens wenn man nach 28Min Fahrzeit in der Innenstadt von Stuttgart nach 10 Uhr abends eine Halbe bekommt, kann ja die fett im Auto patroullierende Streife sich zusammen mit dem Ordnungsamt fragen, wo die Konzessionseinnahmen bleiben. Wackeln drei Gäste mit den Zehen, ist eine Tanzkonzession zu bezahlen und wenn eine beliebte Bar zu beliebt wird, dann ist mal schnell zu schauen, ob man nicht ein paar Euro mehr herausschlagen kann. Wenn das dann nicht geht, wird der Laden eben torpediert.

Wozu ein solches Torpedo führt, kann man ja exemplarisch in Neu-Ulm beobachten, nachdem da die Frankenberger-Mine hochgegangen ist, ist diese Innenstadt nur noch als tot zu bewerten. Lustigerweise konnte man sich, während die uzin’schen Feuerwerksbomben nach Mitternacht den Münsterturm erbeben ließen, problemlos noch ein Getränk draussen bestellen. Es war ja auch keine Ich-Mach-Dir-den-Laden-Dicht Streife unterwegs.

Hallo Donautal, könnte beim nächsten tropischen Sommerabend wieder eine Firma feiern? Meinetwegen so richtig innovativ mit „Status-Quo“?

Danke.

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4 Gedanken zu “Innovativ sein mit Status-Quo

  1. Das Ulmer Theater ohne vertiefende Erläuterungen dazu einfach als „verstaubt“ zu bezeichnen, erscheint mir nicht angemessen. Und dann gibt es deutlich mehr Klassikkonzerte. Ich möchte hier beispielsweise an die Ulmer Kantorei, den Ulmer Oratorienchor und die Aufführungen im Ulmer Münster erinnern. Auch lohnen sich die Konzerte des Ulmer Sinfonischen Blasorchesters. Man muss sich hier nur mal ein wenig umsehen.

    • Vertiefende Erläuterungen wären im Rahmen dieses Postings aber auch nicht angemessen gewesen, abgesehen davon, dass ich in dieser Zuspitzung auch nicht unbedingt den Randfiguren des Ulmer Kulturlebens, die schließlich nur 40% des jährlichen Kulturetats beanspruchen, an das Bein pinkeln wollte, selbst wenn ich das fundiert könnte. Um ernsthaft zu sein, gebe ich auch zu, dass im klassischen Bereich mehr passiert, als ich hier pointiert schrieb. Allerdings würde ich mir wünschen, dass der gebotene Rahmen beispielsweise im CCU mit Schnulliprosecco und Walzpaillettenoberteil durch mehr Spaß an der Musik mit entsprechendem Ambiente auch dem Adjektiv „verstaubt“ Lügen strafen würde. Ganz abgesehen davon ist der Fokus dieses Artikels nicht auf die Verfehlungen etablierter Kulturinstitutionen gerichtet, sondern auf die bigotte Art, jungen Gastronomen Knüppel zwischen das Skrotum zu werfen und dem mal nicht flanierenden Publikum das halbe Glas Wein aus der Hand zu schlagen, weil sonst das liebe Ordnungsamt dem Gastgeber den Arsch aufreißt, während man andererseits das Stadtsäckel nicht unerheblich strapaziert, um allen Einzutrichtern, dass man in einer Innovationsregion leben würde, wenn man denn hier leben dürfte.

      • Den Ärger über den Umgang mit den jungen Gastronomen kann ich nachvollziehen und es ist auch sicherlich richtig, dies in einem Blog zu thematisieren. Da meine persönlichen Interessen eher in das Feld der klassischen Musik und des Theaters fallen, habe ich mich ein wenig an dem „verstaubt“ gestört. Sicherlich ist in diesem Bereich auch manches verbesserungswürdig, aber im Vergleich zu manch anderen Städten der gleichen Größenordnung stehen wir in diesem Feld nicht so schlecht da. Anderswo wurde da schon sehr viel früher kaputtgespart. Da wir das älteste Stadttheater Deutschlands haben, stehen wir hier auch in einer gewissen Pflicht.

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