Logisch denken

Ich liebe meinen Balkon. Ich mag es dort zu sitzen, einen Kaffee zu trinken, eine zu Rauchen, Balkonpflanzen eingehend zu besinnieren und den Innenhof mit seinem Gefleuch zu beobachten.

Der Innenhof, dessen Rasenfläche aus dem Deckel einer darunterliegenden Tiefgarage gebildet wird, ist nicht sonderlich hübsch. Das liegt daran, weil der Bauträger, der die Tiefgarage mit saftiger Rendite an die umliegenden Bewohner verschepperte, im Geschmackstopf mal sauber danebengriff, und das auch noch als Großtat verkaufen wollte. Seine Bauleiterin wollte mir ersthaft erzählen, das die Gestaltung eine „Hommage“ an den in der Nähe befindlichen Kirchvorplatz zu verstehen sei. Der Platz ist mit gedeckt rostbraunen Steinen gepflastert, in denen sich im Abstand von etwa drei bis vier Metern hellgraue Steine in Linien kreuzen, um so ein quadratisches Muster zu bilden. Die Hommage führt zu einem quadratischen Hofrundgang, dessen oberes Drittel durch eine Betonmauerquerung abgetrennt ist und so das Innenhofquadrat in zwei Ebenen mit einem Meter Höhenunterschied teilt. Vermutlich ist dieser Höhenunterschied aber keine Gestaltungsidee, sondern bauliche Notwendigkeit aus den Gegebenheiten des darunter liegenden Tragwerks. Das durch diese Mauer gequerte Rasenquadrat wird wiederum durch zwei sich kreuzende Bänder durchzogen, die mit so hässlichen wie pflegeleichten Niedrigwuchssträuchern bepflanzt sind. Ein Ende des quadratischen Rundgangs ist mit Bäumen in Reihe bepflanzt, was tatsächlich das einzig Hübsche an dieser gähnend langweiligen „Gartengestaltung“ ist.

Ich schaue trotzdem gerne hinunter. Nicht nur, um mich über dieses Strauchkruzifix aufzuregen, sondern um mich zum Beispiel daran zu erfreuen, dass meine Löwenzahnattacke ein voller Erfolg ist. Und um mir zu überlegen, welche nächste Guerilla-Gardening Aktion dieses Jahr angezeigt ist.  Neben dem Innenhof gibt es natürlich auch andere Balkone zu betrachten, deren Möblierung und Ausgestaltung auch immer schnell auf den Geisteszustand der zugehörigen Bewohner schließen lässt. Der Proof kommt natürlich immer dann, wenn die Bewohner sich auch noch auf ihren Balkonen befinden, und man ihrem Treiben, und am allerschlimmsten ihren Gesprächen beiwohnen darf.

Die fette Nachbarin im Haus nebenan, die sich ihr wohlverdientes Singledasein gerne Abends durch ein Windlicht auf dem nie benützten Pärchenterrassentischchen romantisiert, regt mich ja gerne mit ihren Laufschuhen auf, die sie auf den Balkon zum Lüften stellt. Diese riechen rein gefühlt bis zu mir herüber. Auch das sie jeden Samstag ebenso ihre Teppiche auf die Brüstung hängt, geht mir auf  den Zeiger, weil diese Dinger allesamt Retinapeitschen vom allerfeinsten sind. Ich versuche ausserdem mir nicht vorzustellen, was diese Frau wohl in ihrer Wohnung treibt, so dass die Teppiche jede Woche gelüftet werden müssen?  Das ist soweit allerdings erträglich bis belustigend, mithin also Teil der sinnierenden Betrachtung, wenn man entspannt auf dem Balkon sitzt und eigentlich alles ok findet. Einen roten Kopf allerdings bekomme ich dann, wenn die Dame lautstark mit beliebigen Bewohnern auf anderen Balkonen spricht, gerne über die Konsistenz Ihrer Fäkalien.

Die Wohnung über meiner ist ja verhext. Bis neulich wohnte dort ein Pärchen, das nach dem Sex die Rolläden hochgezogen hat. Immer pünktlich um 7:15. Irgendwann hat das aber auch aufgehört. Für mich verständlich, weil ich noch nie eine faderes und freudloseres Wesen, als dieses Faktotum gesehen habe. Wie man mit der auf die Idee kommen kann zu Vögeln, kann ich nicht nachvollziehen. Insofern fällt es mir auch schwer, das damit aufzuhören mir vorzustellen. Balkongespäche habe ich von denen nicht gehört. Das fand ich gut. Weniger allerdings, dass die Dame sich gerne über meine Musik aufregte und dann auch noch bei mir geklingelt hat. Um 14:00 erklärt zu bekommen, dass dies hier ein Mehrfamilienhaus ist, fand ich reichlich benagelt. Vermutlich hat sie sich eine Innenstadtwohnung gekauft und rein preislich vermutet, dass diese ein EFH in Dorfrandlage mit 3,2 ha Streuobstwiese als Vorgarten ist? Daher hat Ihr meine Ausführung, dass dies eine mir schon sattsam bekannte Tatsache sei und daher das Zusammenleben immer in kleineren Kompromissen bestehen würde, und, falls sie keine Kompromisse eingehen wollen würde, ich Ihr das gerne am nächsten Tag um 7:10 nochmal an Ihrer Haustüre genauer erklären würde, nicht sehr gefallen. Aber dafür Ihrem Mann. Der hat mich weiterhin gegrüßt.

Die beiden sind jetzt ausgezogen und wenn sich ihre Lebenswege nun nicht getrennt haben, terrorisiert diese Frau bestimmt die Bewohner der anderen Reihenhausdoppelhälfte durch ihre bloße Existenz. Life is a Bitch, denn es kommt, wie es kommen muss: Die neuen Bewohner, drei dumme Nüsse, die wohl unsäglicherweise beschlossen haben, eine WG zu gründen, gehen offenbar gerne auf ihren Balkon. Nachdem ich längere Zeit einem schlimmen Telefonat beiwohnen durfte, welches mich zunehmend aufzuregen begann, habe ich bei folgendem Satz den Kaffee in hohen Bogen über das Geländer gespuckt: „… ich ruf‘ Di grad von meim neuen Feschdnetz ôh; kannsch Dir d’Numma mal glei eispeichra“. Fuck. Fuck. Superfuck. Gleich am nächsten Morgen haben sich allerschlimmste Befürchtungen bestätigt. Zugegebenermaßen war ich durch das rhythmische Klingeln von drei Löffeln in drei Müslischüsseln zunehmend angenervt, aber diese dummen Pflunzen müssen ja auch noch dabei reden. Folgende Ausführungen führten zu einer sofortigen Flucht in das Innere meiner Wohnung:

“ […] und der Bächa had son Bebber druff ket, den hanni versucht abzumkriega, aber der war soo feschd druff. Dann hani versucht zum logisch dänka und han de Bächa in Schbülmaschee nei, weil dann krieagts ja Wasser von boida Seida! Abr der Bäbber war so fescht druff, där ging dann immer no ned app, so fescht druff war der! Also hani dera den Bächa oifach so zrückgeba, des war dera ja echt wurscht, so bled isch dui gwesa!“

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