Die Benutzererfahrung

Kauft man sich heutzutage ein simples T-Shirt, dann wird einem selbiges bei Kauf- und dann bei Erstverwendung vergällt, bis man seufzend zur Schere greift. Die so genannte „Globalisierung“, die mir als Teenie erstmal als ein geeinigtes Europa, offene Grenzen und Völkerverständigung romantisiert verkauft und mit dem ersten Toyota auf der Straße mit der zitternden Angst all der Angestellten (Damals fügte man noch hinzu: „und Arbeiter“) vor der schlitzäugigen Gefahr all der gleichgeschalteten Arbeitsbienen in japanischen Fabriken ernüchtert wurde, welche, nachdem das mit Pearl Harbour und Co nicht wahnsinnig gut geklappt hat, satt Bomben Videorekorder und Autos regnen ließen.

Das mit den Videorekordern war ja nicht so schlimm, aber für einen Deutschen hört der Spaß bei Autos einfach endgültig auf. Deswegen hat man hier ganz fix an der Effizienzschraube gedreht, um all den Auguren, die erneut den Untergang des Abendlandes herbeischreiben wollten, Mores zu lehren. Ist ja alles nicht so schlimm, möchte man erleichtert ausatmen, Europa wird vielleicht doch nicht durch Mongolenherden in Fabriken, in welchen gelbe Badewannenenten und iPhones zusammengenagelt werden, endgültig deindustrialisiert. Die neuen Japaner sind ja die Chinesen, jetzt. Mit ein wenig Altersmilde und Stoizismus könnte man also sich zurücklehnen bei dem Stichwort „Globalisierung“ und das Gute daran goutieren.

Das geht aber nicht, weil einem der Spaß schon im kleinen verhunzt wird, nämlich dann, wenn man wie eingangs erwähnt, beispielsweise ein T-Shirt kaufen und danach verwenden möchte. Das fängt ja schon beim Kaufen an, denn man kann mittlerweile durch die ganze Stadt rennen wie ein Irrer: Ein neudeutsches „Basic“, also ein T-Shirt ohne sonderlichen Aufdruck zu erwerben, indem man in ein x-beliebiges Kaufhaus geht, das aus dem Regal zieht und neunzehn Latzen auf den Tisch legt, geht nicht mehr, vor allem, wenn man eine bestimmte Marke möchte, die es in den Kaufhäusern jahrzehntelang gab. Hier gibt es nur noch windige Eigenmarken, deren Kik-Anmutung einen innerlich dazu verleitet, auf das Bekleidungsstück einen Fotoabzug von sich im Tod umarmenden verschütteten Fabrikarbeitern aus Bangladesh aufzuziehen. Wobei das einen so schlimmen 80er-Jahre Benneton-Touch hat, dass man davor eher zurückschrickt, als vor der vermeintlichen Pietätlosigkeit. Außerdem, wenn wir schon bei Wolle sind, möchte ich, dass Lana del Rey ein Lied von mir singt und das geht nur mit einem Basic, also ohne G-Star, Springfield oder anderen noch sinnloseren Aufdrucken.

Nunmehr schon seit einer Stunde beschäftigt, erklärt mir der Verkäufer im wirklich seit einem halben Jahrhundert existierenden amerikanischsten aller amerikanischen Jeans-Boutiquen, dass er Lewis nicht mehr führt. Wenn ich Leewais wollte, dann solle ich das im Internet bestellen, er könne von den Preisen nicht mehr leben. Wenn man jetzt Nachgiebig wird und seine Zeit nicht mit Rennerei durch Geschäfte und Straßen vertrödelt, sondern mit Googlerei und Klickerei auf eBay, Amazon & Co, bis auch das letzte Ad-Cookie gesetzt ist und die NSA schon vier Einträge auf Marina hat, dass ich der Lana den Dean machen möchte, kann es ja sein, dass man nach unendlicher Tipperei in Bestell-, Kundendatenbankadresseinträgen und  Pay-Pal Formularen knapp eine Woche später tatsächlich ein T-Shirt in den Händen hält, sofern der Hermes-Bote den ganzen Shice nicht einem Nachbar drei Straßen weiter in die Hände gedrückt hat, ohne auch nur irgendjemand Bescheid zu sagen, geschweige denn dem besagtem Nachbarn.

Zieht man nun nach dem ganzen Heckmeck endlich das T-Shirt an, stellt sich nach exakt zwei Minuten meistens Links Unwohlsein ein: Man fängt sich zunächst unbemerkt an verstohlen zu kratzen, bis man entnervt an der Leiste herumfummelt, was einen hier Gottverfluchterweise so unangenehm juckt und beisst: Kein vergessener Nylon-Nagel, mit dem einer von hundertzwanzig Herstellerhinweiskartons auf das Kleidungsstück genietet war, sondern das Benutzerhandbuch, welches mittlerweile, Globalisierung sei Dank, in 149 Sprachen alles erklärt: Firma und Firmenadresse, vermutlicher Herstellungsort, Textilrohstoffhinweise, Non-Disclosure-Agreements, Prüf- und Artikelnummern und Pflegeinformationen. Als wirklich komplett unbedarfter Sorbe, der nur Sorbisch kann, ist das nun wirklich toll: Ich könnte also als komplett unbedarfter Sorbe in meinem eigenen Idom lesen, dass dieser Mist aus 90% Elastan in China aus vergammelten Cola-PET-Flaschen zusammengerührt worden ist, während 10% Baumwolle aus den letzten versalzten Baumwollfeldern Tatschikistans kam und ich das Ganze bei 40° Waschen darf, wenn es denn stönke. Letzteres ist die eigentliche Nutzinformation, die keiner Übersetzung bedarf, da diese auch für Außerirdische verständlich in weltweit vereinheitlichen Symbolen dargebracht wird. Ich hätte mich stark gewundert, wenn ein einziger Käufer nun Nachträglich, da nicht im Online-Shop erfahrbar, die Textilie zurückschickt, weil ihm Herstellungsort und Rohstoffzusammensetzung einfach nicht in den Kram passt. Und weil nun ja überall gespart werden muss, nicht nur in den Zulieferbetrieben deutscher Automobilhersteller, sondern auch in den zusammengeschusterten Nähetagen der Sprühbetonhochhäusern in Bangladesh, sind diese Usermanuals aus fiesestem Hartplastik, welche an der Haut jucken wie Schwein. Intelligenterweise wird an diese Bücher mittlerweile eine Perforationslinie samt Scherensymbol aufgedruckt, damit man den ganzen Quark samt Pflegehinweis endgültig abtrennt und wegschmeißt und letzteren natürlich auch nicht mehr zur Hand hat, wenn man doch mal eine Maschine Kochwäsche klar macht, wobei sich dann der Kreis des Lifecycle-Wahnsinns von Kauf zur Verwendung zur Dauerschleife schießt.

„User experience“ ist ein Begriff, den sich hoch motivierte Akademiker bei einem Paper über Ergonomie von Software ausgedacht haben, stelle ich mir zumindest vor. Die Motivation ist denen auf jeden Fall abhanden gekommen, als sie bei Microsoft eingestellt wurden, dessen bin ich mir ganz sicher. Trotzdem wurde dieser Begriff ganz fix von den Marketingabteilungen und den Textern von Handbüchern übernommen, mittlerweile prangt das auch auf Hinweisbebbern auf HP-Druckern und ähnlichen IT-Geräten mit unzweifelhaft beschissener Usability, wo hingegen genau dann von einer „improved user experience“ geselbstlobt wird. Man möchte nicht wissen, wie das vorher war. Schön ist auf jeden Fall nicht, was dann in Analogon zum Hinweisbuch in Textilen passiert: Irgendjemand übersetzt den Schmu auf eine der 149 Sprachen. Ich würde zu gerne wissen, was „user experience“ auf Sorbisch heißt. Was ich weiß, ist das es auf Deutsch gerne in das komplett sinnfreie „Benutzererfahrung“  übertragen wird. Und zwar immer häufiger. Ist daran auch Google schuld? Ich, als Anwender, habe bestimmt eine gewisse Erfahrung. Manchmal muss diese noch nicht einmal mit einem Produkt zwingend in Beziehung stehen. Also eigentlich gar nicht. Die Erfahrung benützt zu werden, kann, sexuell gesehen, sehr befriedigend sein. Ich will aber nicht von einem HP-Drucker gefickt werden und auch nicht von Office 2013. Im Office meinetwegen. 2013. Von meiner Süßen.

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