Der Verdunklungsbefehl

Den Eindruck, den man bekommen kann, dass es irgendetwas Unerklärliches im vor sich hin funktionierenden Universum geben muss, bekommt man nicht zwingend in der Kirche eingetrichtert, er manifestiert sich beispielsweise durch die Existenz verfluchter Orte. In jeder Stadt, vermute ich, gibt es eine Straße, in der zwischen ansonsten funktionierender Geschäften beispielsweise ein Café seit Dekaden mit ständig wechselndem Geschäftsführer versucht ein Betrieb aufzubauen, der nicht von der Bank zwangsgeschlossen wird. Allein: Der Ort ist verflucht. Selbst in florierensten Zeiten, in denen jeder in der wärmende Morgensonne sein geerbtes Geld in Rührei und Carajillo umsetzen würde, um danach in das gepflegte Nachmittagshefe zu schauen, würde dieser verhexte Ort verwaist bleiben, bis der Bankberater vorbeischaut.

Ebenso verhält es sich offenbar mit Stockwerken in Mehrfamilienhäusern. Bei mir ist des das 4.OG, linke Seite. Van-der-Waals-Kräfte erklären molekulare Anziehungskräfte, die kreisende Erde beispielsweise – eine Auswirkung der Graviatation, soweit so gut. Aber es muss eine weitere Kraft geben im Kosmos, bei der die Arschlochhaftigkeit eine messbare Größe ist. Für diese gib es wiederum einhundertprozentig eine physikalische Anziehungskraft, die die Welt topologisch prägt in Orte mit hoher Arschlochsanziehungskraft und Orte, die Arschlöcher von sich abstoßen. Nennen wir diese Kraft μαλάκα, kurz: μ. Dresden, beispielsweise ist offenbar ein tiefes Tal in dieser Topologie, in der die Arschlöcher gerne mit Verve hineinrollen, anders kann ich mir diese Pegiden dort nicht erklären. Das 4. OG ist auch so ein Ort, eine Schlucht, von der Arschlöcher wie Fliegen von der Scheiße angezogen werden. Jeder Auszug dort lässt mich erschaudern, denn das etwas besser wird, lehrt einem ja auch das erste Gesetz der Thermodynamik, ist unwahrscheinlich.

Nach dem Faktotuum und den Schwabenseckeln ist nun vorläufiger Endpunkt die Kleinfamilie aus King Käse, Ex-DJ und selbstgefühlter Unternehmer, seine gebleachte Stöckelschuhfee, Geschäftsführerin in gemeinsamen Saftladen und das Ergebnis eines verzweifelten Besuchs einer ebenso verzweifelten Ü30-Nacht in einer der verzweifelten Veranstaltungsorte in denen für verzweifelte Menschen über dreissig Veranstaltungen organisiert werden.

Nachdem die drei zunächst bestimmungsgemäß ein EFH in einem der Käffer der Gegend bezogen haben, in denen man sich stante pede bei allen Nachbarn mit Krakeelerei über Tempo-30 Zonen und dem üblichen anderen Spießerscheiß beliebt gemacht hat, lag die Sekretärin dem DJ vermutlich jahrelang im Ohr, bis schlussendlich fatalerweise beschlossen wurde, wieder in die Stadt zurückzuziehen. Idealerweise sucht man sich ein Haus an einer Innenstadtkreuzung, 4.OG. Mit einem Kleinkind, welches man von den Gefahren des Individualverkehrs bewahren will, sicherlich der idealste Ort, den man sich vorstellen kann, wenn man die physikalischen Kraft μ außer Acht lässt, was man nicht tun sollte.

Als Multitalent, in unternehmerischen Fragen genauso bewandert, wie in der Qualitätseinschätzung des künstlerischen Schaffens anderer Menschen stilsicher, betätigt man sich selbst in der optischen Umfeldverbesserung und saniert die nun erworbene Wohnung erstmal Kern. Das Kommende wird in einem Briefpapierbrief samt Visitenkarte mit „Lärmbeeinträchtigung“, in der noch etwas von „tagsüber“ steht beschrieben. Der Euphemismus wird einem dann am Samstag morgen klar, wenn pünktlich um sieben die Kreissäge anläuft. Kreissägen von heute sind ja sicher. Jeder Hand- und Heimwerker wird also auf die Gefahr, die durch das rotierende Messerblatt ausgeht, beim auslaufen desselben mit dem gleichen Buzzer verdeutlicht, der bei Mülllastkraftwagen den eingelegten Rückwärtsgang signalisiert. Ergebnis ist dann Miiiiauuuuuuuuuuuuueeeeeeeeiiiiiiiiiiiiii PIEP PIEP PIEP PIEP.  Das macht am Samstag um 7 so richtig Laune, das ist geil. Die Hoffnung ist, dass irgendwann ist keine Wand zum einreißen mehr vorhanden ist; irgendwann sind alle Weißwaren von den Anschlüssen abgeklopft und alles ist weg. Dereinst wird auch dann die letzte Abschlussleiste zurechtgesägt sein und der Schreiner wird auch da gewesen sein, um den obligatorischen Einbauschrank eingepasst zu haben: Irgendwann ist endlich Ruhe im Karton.

Denkt man. Wenn man μ vergisst. Mittlerweile hat sich Stockwerk 1 dazu entschlossen, über fatale Verbindungen verbandelt, seine Bude ebenso zu „verschönern“, ausgesuchter „Stilberater“: King Käse aus dem 4. OG. Ergebnis: Wochenlang alles, samt Wände, rausschlagen, Fliesen mit Pompeij-Mosaik auslegen lassen und dann statt der Wände wieder Einbauschränke hochzimmern lassen: Miiiiauuuuuuuuuuuuueeeeeeeeiiiiiiiiiiiiii PIEP PIEP PIEP PIEP. Irgendwann wird auch diese Bude fertig sein: Ruhe im Karton. Denkt man. Wenn man μ vergisst.

Nachdem nun im 4. OG endlich der letzte Küchenschrank sein Platz gefunden und die ganze Bagage nach drei Tagen ausladen den letzten Umzugskarton nach oben geschafft hatte, war Samstag. Ein nebenbei freudiger Samstag. Ein Kochsamstag mit Verschnippelung bestens Gemüses und aller dampfenden Schweinereien, die man sich am Vormittag auf dem Markt besorgte, ein Juchhu-Samstag, bei dem man dann das Ergebnis der Aktion mit der Süßen verschnabuliert und dazu fein die ein oder andere Flasche Ribeira Sacra den Hals hinunterlaufen lässt. So ein Samstag. Ein Samstag, bei dem man das Kochmesser natürlich zu FM4 Davidecks schwingt, auch weil um 19:00 noch nicht Swound Sound dran ist, was noch beschwingter gewesen wäre, „Welcome on Boooard“, Yea.

Aber nachdem bei dem μαλάκα-Messgerät der Zeiger im roten Bereich zittert, wird einem die Missachtung dieser Tatsache durch klingeln an der Wohnungstür um 19:15 separat beigebracht: „Die Bässe“, wird einem erklärt, „die Musik“ ob man diese nicht leiser machen könnte, „die Kleine“ könnte „gar nicht schlafen“, wird einem erklärt.

In den folgendem Jahr habe ich die Lebenweise der Protagonisten aus dem 4. Stock näher, als mir lieb ist kennengelernt und an dieser Stelle kann ich das, wie die Kreissäge, nur onomatopoetisch beschreiben.

Darsteller:

WUMPF WUMPF WUMPF WUMPF : Der Hausherr itself. 104 Kilo: King Käse.

KLACK KLACK KLACK KLACK: Seine Sekretärin. Auf Gummischuhen.

BUMM BUMMMBUMMBUMMMBUMM WOMPFBUMM BUMM BUMM BOMM: Die Brut.

RRRRRRRRRRRRRRRRRRRRSSSSSSTZACKBUMMMMM: Der Rollo, runter.

RRRRRRR RRRRRRRRRRRRRRR RRRRRRRRRRRFONTSCHZACK: Der Rollo, rauf.

Jeden Werktag gegen 7, gerne auch mal früher:

BUMM BUMMMBUMMDIBUMMMBUMM WOMPFBUMM BUMM BUMM BOMM. Die „Kleine“ ist aufgestanden. Wohlausgeruht wird nun zunächst das neue Stück der Vorschulballettgruppe geübt: „Brontopodensee“, das berühmte Pasodoble mit zwei Urweltechsen, hier aufgeführt als Solo.

Es gibt in dem Eck, in welchem die Protagonisten beschlossen haben, ihre Furzmulden aufzustellen, drei Fenster. Alle drei werden, sobald die gütige Sonne der Erde beschließt ihr Tagwerk zu beenden und das Kunstlicht der Stadt ihren Part übernimmt, via Rolladen verrammelt. Diesem Rollo kann man so richtig Schmackes mitgeben, indem man den Gurt bis zum Anschlag herausrupft, um dann von der Gravitation den Rest erledigen zu lassen: RRRRRRRRRRRRRRRRRRRRSSSSSSTZACKBUMMMMM. Das ist ja etwas, was ich ganz grundsätzlich nicht verstehe: wie kann man seine Wohnung jeden verdammten Tag in das Ho Chi Minh Mausoleum verwandeln? Hat der örtliche Brigadegeneral Rommel einen Verdunklungsbefehl ausgerufen, weil die Russen auf dem Weg sind?

Morgens hingegen, wenn der Hahn, der hier niemals kräht, nicht kräht, gibt es einen Ersatz: Der Rolladen. RRRRRRR RRRRRRRRRRRRRRR RRRRRRRRRRRFONTSCHZACK. WUMPF WUMPF WUMPF. RRRRRRR RRRRRRRRRRRRRRR RRRRRRRRRRRFONTSCHZACK. WUMPF WUMPF WUMPF WUMPF. RRRRRRR RRRRRRRRRRRRRRR RRRRRRRRRRRFONTSCHZACK. Irgendwann gegen Acht ist die letzte Cerialie verspeist, der letzte Zahn gebleacht, der Tyrannosaurus BUMM BUMMMBUMMBUMMMDIEBUMM WOMPFBUMM BUMM BUMM BOMM will nun BOMM BUMM verräumt sein, Zack BUMMM BUMBUMBUM die Gamaschen an. BOMMMMM. Bis der Schlüssel, das Smartphone und alles andere gefunden ist: KLACK KLACK KLACK KLACK, WUMFP WUMPF, KLACK KLACK KLACK KLACK, es hört nicht auf, bis ENDLICH die Tür aufgeht: 78 Stufen wollen jetzt genommen sein, und jede einzelne ist ein Kraftakt, dem ich beiwohnen darf: WÄRÄH, das Ergebnis der Ü30-Party kräht irgendetwas in die Welt QWÄÄÄÄÄÄÄK BRABBEL QWÄÄÄÄÄÄÄK, während Madame versucht jede einzelne Stufe zu treffen. Mit Erfolg! KLACK BUMM. KLACK BUMM! Zweimal getroffen! Nur noch 76! Bis die Scheiße KAWOMMM die Haustüre zuwirft und Ruhe sein könnte, allein: WUMPF WUMPF WUMPF WUMPF, der Herr selbst, widmet sich gegebenenfalls dem Geschäftlichen und telefoniert herumlaufenderweis´, anders kann ich mir das nicht enden wollende WUMPF WUMPF WUMPF WUMPF nicht erklären.

Am Wochenende hingegen – ist alles gleich, dafür fängt das bei aller Güte manchmal eine Stunde später an. Also um Acht. Und die Treppenparade ist nicht um 8:15, sondern später. Dafür bleibt, mangels Auslauf die Brut den ganzen Tag in der Wohnung aktiv, Spielplätze werden wohl ungerne besucht. Davidecks hingegen verpasse ich nie: Um 19 Uhr geht ein Wecker, der mir die Sendung ankündigt: RRRRRRRRRRRRRRRRRRRRSSSSSSTZACKBUMMMMM.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.